Alles geben!

Mai 12, 2016 in Allgemein

Moin Werderfans,

da die Diskussionen um den Boykott der Ultra-Gruppen und die Stimmung im Weserstadion auch nach dem Montagsspiel gegen den VfB Stuttgart nicht enden zu wollen scheinen, haben wir uns dazu entschieden, in den Diskurs ein letztes Mal einzusteigen und unsere Sicht der Dinge im Rückblick kurz darzustellen.

Zunächst möchten wir betonen, dass wir mehr als froh sind, dass Werder dieses so wichtige Spiel auf eindrucksvolle Art und Weise gewinnen konnte. Wie heftig geil war dieses Spiel denn bitte? Einfach unglaublich! Besonders gefreut hat es uns, dass das gesamte Weserstadion durch lautstarke und emotionale Unterstützung einen Beitrag dazu leisten konnte, dass ab der ersten Spielminute nur wenig Zweifel daran aufkamen, wer das Spielfeld nach Abpfiff als Sieger verlässt. Umso mehr schmerzte es uns, dass wir an diesem sportlichen sowie stimmungstechnisch ganz sicher denkwürdigen Ereignis nicht teilhaben konnten. Es war eine 90-minütige innere Zerreißprobe. Wir stehen jedoch nach wie vor zu unserer Entscheidung und ihren Konsequenzen, auch wenn es sicherlich für ausnahmslos alle von uns nicht leicht war, ein derart wichtiges Spiel unseres Vereins außerhalb des Stadions zu verfolgen.

Mit Bedauern stellten wir nun fest, dass manch eine*r dieses Spiel und diesen Abend zum Anlass nahm, den Sinn des organisierten Supports im Weserstadion in Frage zu stellen. Wir hoffen, dass derartige Einschätzungen die Ausnahme darstellen und den meisten Werderfans, die regelmäßig Spiele unseres Vereins im Stadion besuchen, bewusst ist, dass diese eindrucksvolle Stimmung auch dem Ablauf und den Begleitumständen des Spiels am Montag zu verdanken ist und (leider) keinesfalls die Regel darstellt. Wir sind uns sicher, dass diese Atmosphäre nicht als Reaktion auf unser Fernbleiben und als Zeichen gegen den organisierten Support zu verstehen ist, sondern in erster Linie als Zeichen für unsere Elf auf dem Rasen und für den Klassenerhalt. Wir hoffen daher, dass sich diese Bereitschaft zur Unterstützung, die sich am Montag, aber auch schon in den Spielen gegen Wolfsburg und in München gezeigt hat, genauso für die letzten Spiele der Saison und möglichst auch langfristig erhalten lässt, denn zugegebenermaßen war die Stimmung in dieser Saison vor allem bei Heimspielen in der Regel mehr als ausbaufähig. Es liegt an uns allen, das Weserstadion zukünftig wieder zu einer Festung werden zu lassen.

Zuletzt bleibt zu sagen, dass in den verbleibenden Wochen dieser Spielzeit nicht die Diskussionen um den Stil der Unterstützung oder um verschiedene Ausrichtungen des Fan-Seins das zentrale Thema sein dürfen, sondern einzig und allein unser gemeinsames Ziel: der Klassenerhalt. Also lasst uns im kommenden Spiel gegen die Eintracht nicht über Support-Stilfragen streiten, sondern die Frankfurter gemeinsam und stimmgewaltig aus Stadion und Liga fegen!

Alles geben – Niemals zweite Liga!

Infamous Youth
UltrA-Team Bremen
L´Intesa Verde
Caillera

Montagsspiel gegen den VfB Stuttgart

April 16, 2016 in Allgemein

Moin Werderfans,

wir haben uns schweren Herzens dazu entschlossen, das wichtige Ligaspiel gegen den VfB Stuttgart nicht zu besuchen. Wie Ihr Euch sicherlich alle vorstellen könnt, ist uns dieser Entschluss gerade angesichts der aktuellen sportlichen Situation äußerst schwer gefallen. Nachfolgend möchten wir Euch unsere Beweggründe mitteilen und so für Euer Verständnis und Eure Unterstützung werben.

Mit dem angekündigten Montagsspiel ist in der ersten Bundesliga der Beginn einer neuen Stufe der Zerstückelung des Spieltags erreicht, welche so für uns nicht mehr hinnehmbar ist. Auch wenn seitens der DFL nach außen hin kommuniziert wurde, dass dieser Montagstermin einzig und allein dem Mai-Feiertag geschuldet wäre, so schwebte das Damokles-Schwert des Montagstermins schon länger über den Clubs der ersten Bundesliga. Trotz aller Beschwichtigungen hat die DFL erst in dieser Woche fünf feste Montagsspiele, sogenannte Ausweichtermine, mit Beginn der Saison 2017/18 angekündigt. Uns ist es dementsprechend wichtig, zu Anbeginn dieser Entwicklung in der ersten Bundesliga ein starkes Zeichen gegenüber allen Akteur*innen des Profi-Fußballs zu setzen, um zu zeigen, dass die Anhänger*innen der Fußballvereine ein essentieller Bestandteil des Profi-Fußballs sind, deren Interessen bei der Spieltagsterminierung nicht immer mehr in den Hintergrund gerückt werden dürfen.

Seit langer Zeit sind wir mit den unmöglichsten Terminierungen konfrontiert. Freitagabends oder sonntags in Augsburg oder Freiburg? Haben wir alles schon mitgemacht und auch dort bestmöglich den SV Werder repräsentiert. Terminierungen, die immer wieder entgegen aller Zusagen von DFL und Co kurzfristig verkündet werden und Anreise- und gegebenenfalls Urlaubsplanungen erschweren bis unmöglich machen und darüber hinaus das Verhältnis zu Familie, Freund*innen sowie Arbeitgeber*innen belasten.

Jedoch sind nicht allein die Fans, welche mit ihren Vereinen live im Stadion mitfiebern, die Leidtragenden dieser Entwicklung. Das Weserstadion ist seit jeher eng mit dem umgebenden Viertel verbunden. Wochenende für Wochenende lebt insbesondere die Gastronomie, aber auch die generelle Stimmung in der Stadt von den tausenden Anhänger*innen, welche auch abseits der 90 Minuten noch ein paar schöne Stunden im Viertel verbringen wollen. Der Verlust des Europapokaltermins hatte bereits ernsthafte Auswirkungen auf die Umsätze lokaler Institutionen. Die Vereine, welche ihre Stadien noch weiterhin im Stadtgebiet verankert wissen, sind also direkte Leidtragende dieser Spieltagsansetzungen, und in dieser Hinsicht sind Bremen und das Viertel mittlerweile mit an erster Stelle zu nennen.

Wir sind uns sehr wohl bewusst, welchen Zwängen sich sowohl die DFL als auch jeder einzelne Profifußballclub ausgesetzt sehen. Die Mechanismen des Kapitalismus werden im Profifußball mehr und mehr spürbar, so dass es insbesondere im internationalen Vergleich nur logisch ist, wenn versucht wird, mehr Gewinne zu erzielen, um so noch hochklassigeren Fußball zu zeigen und so noch mehr internationale TV-Zuschauer*innen zu gewinnen. Diesen Zusammenhang werden wir nicht durch den Boykott dieses Spiels auflösen können.

Uns geht es darum, zu zeigen, dass wir genauso Teil des Fußballs sind wie die Kicker, Vereins- und Verbandsfunktionäre. Ohne uns Fans und die Atmosphäre, die wir Wochenende für Wochenende in die Stadien dieser Liga bringen, wäre das Produkt Bundesliga nur noch einen Bruchteil wert. Wir verstehen uns aber nicht als bloße Dienstleistende für ein Produkt. Wir bringen Farbe, Leben und Emotion in ein Spiel, welches immer mehr den Bedürfnissen einer kapitalistischen Gesellschaft angepasst wird.

Dass diese Spirale jedoch nicht unendlich weiter gedreht werden kann, sieht man allein schon beim Blick in Liga 2, wo es bedauerlicherweise trotz vieler Bemühungen nicht gelang, sich ligenübergreifend solidarisch für den Spieltermin am Wochenende einzusetzen und diese Entwicklung zu stoppen, bevor sie die erste Liga erreicht. Jedoch kann man an Liga 2 sehen, dass Montagsspiele auf dem Papier vielleicht zu mehr Zuschauer*innen am TV führen, die dauerhafte Attraktivität der Spiele jedoch nicht gewährleistet werden kann und sich dementsprechend nur eine überschaubare Zielgruppe Montag für Montag den Live-Rumpelfußball im Münchener Spartensender antut. Leere Gästeblöcke und Protestaktionen gegen diese Spieltagsansetzungen tun neben immer unattraktiveren Vereinen ihr übriges dazu, dass der Montagskick im TV in der Regel verlorene Zeit darstellt.

Wir sind uns ebenso bewusst, dass wir an dieser Stelle nur ein kleines Rädchen im System Profifußball kritisieren. Wie in den meisten anderen unserer Lebensbereiche macht sich der Kapitalismus zunehmend und immer schneller auch im Profi-Fußball bemerkbar. Unzumutbare Spieltagsterminierungen, Einfluss des Pay-TVs sind nur symptomatisch für die kapitalistischen Zwänge, in denen wir uns bewegen. So unterliegt auch jeder Fußballverein dem Druck, immer effizienter zu werden, möglichst viele Gewinne zu erwirtschaften und sich so mit der Zeit zu einem Wirtschaftsunternehmen zu wandeln. Es liegt in der Natur der Sache, dass nicht alle Vereine diesen Wandel erfolgreich meistern, so dass andere Wirtschaftsunternehmen, welche den finanziellen Wettbewerb von der Pike auf gelernt haben, die entstehenden Lücken sehen und diese auch nutzen können, um so auf sportlichem Weg ihr Image aufpolieren zu können. Die hieraus resultierenden Partien ziehen in der Regel die Attraktivität der übertragenen Spiele mindestens im gleichen Maße runter, wie es die besagten leeren Gästeblöcke und Protestaktionen tun. Dass nicht alle Vereine den Wandel hin zum Wirtschaftsunternehmen gleich gut meistern, ist im Kapitalismus ebenso systemimmanent wie das Verschieben der Interessen von Fans und Zuschauer*innen hin zu den Kapitalbesitzenden. Diese Zusammenhänge können wir zwar kritisieren, jedoch nicht ohne tiefgreifendere Maßnahmen bekämpfen.

Das ist auch nicht zwangsläufig unsere Aufgabe als Fußballfans. Für uns jedoch heißt Fan sein mehr, als nur Konsument*in zu sein. Wir verstehen uns als Teil des Spiels und als dieser sind wir davon überzeugt, dass die Fans nicht die einzige Stellschraube sind, um in diesem Wettbewerb Kapital zu erzeugen. Wir verlangen jetzt konkret ein Ende des Terminwahnsinns und fordern von den Verantwortlichen der DFL und der Vereine, ihrer sozialen Verantwortung gerecht zu werden, statt einfach nur die Methoden, und so logischerweise auch die Fehler, anderer Profiligen zu kopieren. Wir erwarten, dass nach neuen kreativen Wegen gesucht wird, um die benötigten Gelder zu erwirtschaften, wenn denn schon unbedingt der Wettbewerbswahnsinn der konkurrierenden, internationalen Profiligen gekontert werden muss. Wir Fans sind nicht die einzige Stellschraube!

Um sowohl unserem Stellenwert als auch unseren Forderungen Nachdruck zu verleihen, werden wir, wie bereits oben erwähnt, dem Spiel gegen den VFB Stuttgart fernbleiben. In dieser Situation, in der uns unser Verein besonders braucht und gerade ein positiver Ruck durch die Fanlandschaft zu schwappen scheint, fällt uns dies besonders schwer. Angesichts der Entscheidung, sich nicht ausreichend stark gegen die Zerstückelung der Bundesliga-Spieltage positioniert oder Werder nicht ausreichend im Kampf um den Klassenerhalt unterstützt zu haben, befinden wir uns in einem tiefen, inneren Zwiespalt. Nach zähem Ringen haben wir uns jedoch dafür entschieden, an diesem Spieltag ein Zeichen für all jene Fußballfans zu setzen, die ihren Verein im Stadion leidenschaftlich unterstützen wollen und so nebenbei den Profifußball und seine Stadien mit einer lebhaften Fankultur bereichern.

Um zumindest den aus diesem Montagsspiel resultierenden wirtschaftlichen Schaden von unserem SVW fernzuhalten, bitten wir alle, die sich unserer Entscheidung anschließen wollen, dennoch zumindest Eintrittskarten zu erwerben und sich eventuell trotzdem Falafel, Ayran oder ähnliches im Viertel zu genehmigen. Wie schon heute gegen Wolfsburg heißt es dann auch gegen Frankfurt:

Alles für den Klassenerhalt! Allez les Verts!

Vortrag: »Der Krieg gegen die Kurden in der Türkei«

März 17, 2016 in Allgemein, Veranstaltungen

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Ein Vortrag von Ismail Küpeli – Am 13. April 2016 um 19 Uhr im OstKurvenSaal

Der Krieg gegen die Kurd*innen in der Türkei dauert nun schon viele Monate an. Und obwohl er in der deutschen Öffentlichkeit weitgehend unbeobachtet bleibt und (zu) wenig thematisiert wird, spielen sowohl Deutschland als auch die EU eine gewichtige Rolle.

Anknüpfend an die Spruchbänder »Erdoğan vom Thron stoßen – Faşizme karşɪ omuz omuza!« und »Berxwedan jîyan e – Widerstand heißt Leben« sowie der regelmäßigen Auseinandersetzung und Solidarität mit den Kämpfen der Kurd*innen möchten wir das Thema erneut auf die Agenda setzen.

Die Ausgangssperren und Belagerungen von kurdischen Städten im Osten der Türkei haben sich inzwischen zu einem Dauerzustand entwickelt. In einigen dieser Städte, wie etwa Cizre, Silopi und Nusaybin, finden immer wieder Militäroffensiven statt. Während dieser Ausgangssperren und Militäroffensiven in den Städten wurden über 140 kurdische Zivilist*innen getötet, unzählige Menschen verletzt und ganze Straßenzüge zerstört. Auch im Jahr 2016 nehmen die Kämpfe noch zu, weil inzwischen auch auf kurdischer Seite die Stimmen für den militanten und militärischen Weg lauter werden. Die EU hat sich eindeutig auf die Seite der türkischen Regierung gestellt – und damit gegen eine demokratische und friedliche Lösung des Konfliktes.

Es herrscht eine schwierige und komplizierte Situation, in der der hegemoniale Herrschaftsanspruch der AKP und Erdogans auf die Freiheits- und Autonomiebestrebungen vieler Kurd*innen trifft. Um einen Überblick zu bieten und den aktuellen Stand in der Türkei zu diskutieren, laden wir zum Vortrag von Ismail Küpeli ein. Der Politikwissenschaftler promoviert zu kurdischen Aufständen in der Türkei an der Ruhr Universität Bochum. Er betätigt sich zudem als Journalist für verschiedene Tageszeitungen, Zeitschriften und Online Medien. Seine Schwerpunkte sind die Türkei und der Nahe und Mittlere Osten. Zuletzt erschien das von ihm herausgegebene Buch „Kampf und Kobane – Kampf um die Zukunft des Nahen Ostens“.

Wir als Veranstalter*innen möchten, dass sich Besucher*innen auf unserer Veranstaltung wohlfühlen. Für Sexismus, Rassismus, Homophobie, Antisemitismus und andere Diskriminierungsformen ist hier kein Platz. Genauso sieht es mit Verschwörungstheorien aus. Personen, die derartige Einstellungen kundtun oder bekannt dafür sind, werden von der Veranstaltung konsequent ausgeschlossen.

»Erdoğan vom Thron stoßen – Faşizme karşɪ omuz omuza!«

Dezember 12, 2015 in Spruchbänder

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Aus der »les petites pensées #57« vom 12. Dezember 2015

Liebe Werder-Fans,

an dieser Stelle möchten wir einmal etwas ernster werden und unser heutiges Spruchband erklären. Wer unsere Aktionen oder die Spieltagsflyer aufmerksam verfolgt, wird bemerkt haben, dass wir vor gut einem Jahr unsere Solidarität mit den kurdischen Guerilla-Kämpfer*innen und der Bevölkerung in den kurdischen Regionen bekundet haben. Hieran hat sich nichts geändert und noch immer beschäftigen sich einige Mitglieder dieser Gruppe mit den Geschehnissen in Rojava (Westkurdistan/Nordsyrien) oder den kurdischen Regionen in der Türkei.

Wie bereits erwähnt, ist es ein Jahr her, dass wir uns zu dieser Thematik geäußert haben und in diesem einen Jahr ist eine ganze Menge passiert: So konnten die Guerilla-Einheiten in Syrien große Erfolge gegen die Milizen des „Islamischen Staat“ erzielen und Kobanê befreit werden. Auch im Irak konnte der IS aus der jesidischen Stadt Şingal verdrängt werden, während jedoch das Projekt Rojava samt seiner emanzipatorischen und basisdemokratischen Bestrebungen weiterhin an Fahrt aufnimmt, ist der Türkei scheinbar alles daran gelegen, diesen Bestrebungen einen Riegel vorzuschieben.
Als im Juni diesen Jahres die türkischen Parlamentswahlen anstanden, schien es für die AKP-Regierung bereits im Vorfeld schwierig zu werden, die absolute Mehrheit zu beziehen und somit die Verfassung für die Einführung eines Präsidialsystems zu ändern. Grund dafür waren vor allem die Unmutsbekundungen der in der Türkei lebenden Minderheiten und der Linken über den hegemonialen Herrschaftsanspruch der AKP, sowie der Kurs der HDP, einer Partei, die sich für die Minderheitsrechte und vor allem die kurdische Minderheit ausspricht.

Es kam, wie es kam: die HDP überschritt mit 13,8% die in den Achtzigern festgelegte 10%-Hürde und rang der AKP somit einige Sitze und die benötigte absolute Mehrheit ab. Die AKP war – wollte man den Regierungsanspruch nicht verlieren – somit gezwungen, eine Koalition einzugehen, was aufgrund der unterschiedlichen Interessen und Ideologien nicht möglich war und so befand man sich in einem Patt. Für die Minderheiten – seien es die Kurd*innen, die Alevit*innen, Linke, Demokrat*innen oder auch Homosexuelle – allerdings war dieser „kleine Wahlsieg“ bereits von enormer Bedeutung. Was darauf jedoch seitens der AKP-Regierung folgte, war eine Intensivierung aller Militäroperationen, die Gleichsetzung von PKK und Kurd*innen mit dem „Islamischen Staat“ und eine Eskalation auf allen Ebenen.

Es gab zwar bereits im Vorfeld der Wahl Anschläge auf Parteizentralen der HDP und einen Bombenanschlag auf eine Wahlkampfveranstaltung zwei Tage vor der Wahl, jedoch stieg das Ausmaß nach der Wahl gewaltig: Brandanschläge, Verwüstungen und physische Gewalt gegen Parteimitglieder. Immer auch unter Beteiligung von AKP-Anhänger*innen. Den Höhepunkt stellen allerdings die Bombenanschläge vom 20. Juli in Suruc (33 Tote) und vom 10. Oktober in Ankara (102 Tote) auf Veranstaltungen von oder mit der pro-kurdischen und basisdemokratischen HDP dar. Diese wurden zwar nachweislich von Mitgliedern des IS durchgeführt, jedoch allem Anschein nach auch unter Mitwissen des türkischen Geheimdienstes MIT und so verhärtete sich auch der Verdacht, dass die Regierung davon in Kenntnis gesetzt worden war. Fast gleichzeitig verhärteten sich auch die Verdachte, die Türkei habe den IS mit Medikamenten, Waffen und anderen Dingen versorgt und es sei für die IS-Mitglieder problemlos möglich, die Grenze zu passieren.

Die türkische Regierung sah sich zum Handeln gezwungen, doch statt gegen die Mitglieder des IS vorzugehen, ordnete man unter dem Vorwand, die Pufferzone an der Grenze vor dem IS zu schützen, Bombardements gegen die kurdischen Kämpfer*innen, die bis heute die einzigen wirklichen Erfolge gegen den IS verzeichnen konnten, im Norden Syriens an und führte Razzien im Süd-Osten der Türkei durch, bei denen ganze 1.000 HDP-Sympathisant*innen festgenommen wurden. Man verhängte Ausgangssperren in Städten mit großer kurdischer Basis, so zum Beispiel in Cizre oder anderen Städten in der Region Şɪrnak. In Cizre dauerten diese ganze 8 Tage und 9 Nächte an und forderte 21 Tote, es folgten weltweite Solidaritätsbekundungen, bei denen es wie zum Beispiel in Hannover oder in der Schweiz ebenfalls zu Attacken auf pro-kurdische Aktivist*innen kam. Selbst im Bundestag warnten Personen wie Cem Özdemir vor einem aufkeimenden Bürgerkrieg, denn die PKK erklärte nun die Waffenruhe aufheben und gezielte Angriffe ausüben zu wollen.

Nach dieser immensen Einschüchterungswelle gegenüber der kurdischen Bevölkerung, sowie allen anderen demokratischen und linken Kräfte des Landes, wurden für den 1. November Neuwahlen angeordnet. Die HDP verlor ganze 3% und konnte der AKP die absolute Mehrheit nun nicht mehr strittig machen. Ein herber Rückschlag für die HDP und der erzwungene Erfolg der AKP. Die Schikanen in den kurdischen Regionen nahmen allerdings noch kein Ende und forderten auch in den ersten Tagen nach der Wahl weitere Tote. Am 4. November verkündete der türkische Präsident Erdoğan darüber hinaus, dass „der Kampf gegen die Terrororganisation bis hin zur Vernichtung all ihrer Mitglieder, ihrer Kapitulation und ihrem Rückzug aus den Staatsgrenzen fortgeführt“ werde. Auf diese Aussage folgten weitere Ausgangssperren, aufgrund der manche HDP-Abgeordnete nicht einmal zur Vereidigung nach Ankara reisen konnten, sowie Luftangriffe in den Kandilgebirgen – dem Sitz der PKK-Guerilla – und im Norden Syriens auf die Stellungen der kurdischen Einheiten.

Die türkische Regierung macht damit klar, dass ihr eine gemeinsame Grenze mit dem IS lieber ist, als eine Grenze zu einer autonomen, selbstverwalteten kurdischen Region. Sie stellt die PKK und all ihre Unterorganisationen, die vor allem im Verlauf der letzten beiden Jahre immer mehr gezeigt haben, dass sie an einer Etablierung der Demokratie im Nahen Osten interessiert sind und dabei Autarkie und Staatlichkeit hinter sich lassen, als eine Terrororganisation dar und somit mit der islamfaschistischen Terrororganisation „Islamischer Staat“ auf eine Stufe. Währenddessen zementiert sich Staatspräsident Erdoğan in seinem 490 Millionen € teuren Palast, seit Jahren seine Regierungsposition, indem er Verfassungen nach Belieben ändert oder Oppositionen unterdrückt, sei es durch physische und psychische Gewalt oder die Einschränkung der Pressefreiheit in Form von TV-, Zeitung-, Radio- und Social Media-Zensur. Nach der Abschaffung der Todesstrafe 2004 führte er auch diese 2012 wieder ein, und auch das seit mehr als 30 Jahren geltende Abtreibungsrecht ist er gewollt zu verschärfen, da für ihn eine Abtreibung gleichbedeutend mit Mord wäre und man für Frauen generell die Rolle der Mutter vorgesehen habe.

Einigen von uns ist es wichtig, gegen diese Missstände aufzustehen und zu protestieren, daher haben wir uns dazu entschieden heute mit dem Spruchband „Erdoğan vom Thron stoßen – Faşizme karşɪ omuz omuza!“ (dt.: “Schulter an Schulter gegen den Faschismus“) auf die diktatorischen Bestrebungen Recep Tayyip Erdoğans und seiner AKP und die Unterdrückung der Oppositionen aufmerksam zu machen, den Protest ins Stadion zu tragen und uns weiterhin solidarisch mit den kurdischen Kräften im Kampf gegen den IS und für ein selbstbestimmtes Leben zu zeigen.

PKK-Verbot aufheben! Berxwedan jîyan e – Widerstand heißt Leben!